Cristiano Ronaldo erzielt in Turin das schönste Tor seiner Karriere: ein perfekter Fallrückzieher. Ein Experte erklärt, was für so ein Traumtor nötig ist – und wieso Nachahmen keine gute Idee wäre.

Heinz Kleinöder ist Sport- und Trainingswissenschaftler an der Deutschen Sporthochschule Köln. Er findet, Ronaldos Fallrückzieher im Viertelfinal-Hinspiel der Champions League gegen Juventus Turin sei herausragend. Der Superstar von Real Madrid verfügt über besondere physiologische Fähigkeiten.

WELT: Wie schießt man solch ein Tor?

Heinz Kleinöder: Mit dem Rücken zum Tor braucht es große athletische Fähigkeiten, dann die koordinativen Aspekte. Ganz entscheidend ist das Timing: dass er den Ball so präzise trifft, dass der Torwart überhaupt keine Chance hat, ranzukommen. Ein bisschen Glück ist natürlich auch dabei.

WELT: Welche körperlichen Voraussetzungen sind nötig?

Kleinöder: Die Muskulatur muss funktional eingesetzt werden können. Ronaldo hat eine sehr hohe Maximalkraft, mit der ihm solche Ausflüge leichter fallen als vielen anderen Spielern. Ronaldos Sprungkraft ist ebenfalls außerordentlich. Er hat auch eine große Schnellkraft, also die Fähigkeit, schnell anzutreten. Durch gezieltes Krafttraining stärkt und bildet er viele weiße Muskelfasern.

WELT: Wie wichtig ist Koordination für dieses Traumtor?

Kleinöder: Das Wesen von Koordination wird sportwissenschaftlich anders betrachtet als im Fußball und anderen Sportarten. Da spricht man meistens von Orientierungsfähigkeit, Geschicklichkeit oder Rhythmisierungsfähigkeit. In Wirklichkeit ist Koordination auf zwei biomechanischen Säulen basierend: der intermuskuläre und der intramuskulären Koordination. Also Koordination zwischen verschiedenen Muskelgruppe – hier spricht man von funktionalem Training – und die Fähigkeit, einen Muskel schnell kräftig ansteuern, viele Muskelfasern aktivieren zu können. Hierzu braucht es Training mit höheren Gewichten. Komplettiert wird das durch den physiologischen Aspekt, also Reaktivkraft. Hier geht es um den so genannten Dehnungs-Verkürzungs-Zyklus. Die Aktion sieht mühelos aus, obwohl sie anstrengend ist, weil Energie gespeichert und gezielt abgerufen wird.

WELT: Wie wichtig ist der mentale Aspekt?

Kleinöder: Es geht um ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein. Ronaldo macht alles mit einer großen Selbstverständlichkeit, weil er weiß, dass er extrem schnell ist, weil er ja auch so viel Erfolg hat, insbesondere in der Champions League. Auf dieser Basis traut man sich viel eher, so ein Tor anzubringen.

WELT: Es gibt viele top-trainierte Profis. Wieso sieht man solche Tore trotzdem so selten?

Kleinöder: Das sind Spielertypenfragen. Es gibt solche, die sachorientierter sind. Die wollen das Tor auch mit ganz einfachen Mitteln erzielen. Ich lehne mich mal so weit aus dem Fenster, zu sagen, dass es Ronaldo spektakulärer liebt. Und er hat – mehr als die meisten – ja auch alle Möglichkeiten dazu.

WELT: Wie hoch ist die Verletzungsgefahr für Profis?

Kleinöder: Die ist absolut gegeben. Ronaldo beherrscht seinen Körper, weiß, wie er sich abrollt. Das ist nicht das Problem. Die Verletzungsgefahr ist gering, solange er alleine ist, doch sobald ihn jemand rempelt oder stört, das Bein reinhält, kann das böse enden.

WELT: Zur Nachahmung also wohl nicht empfohlen?

Kleinöder: Oh Gott, nein. Selbst wenn der Fallrückzieher gelingt, ist da noch die Landung, die wahrscheinlich sehr hart ausfallen würde. Wenn es gut läuft, geht es mit ein paar Prellungen vom Platz.